Frankfurter Hauptschule: kANzELKuLTuR 666

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Weltweit erleben wir neue faschistische Formierungen. Während der Corona-Pandemie zeigte und
zeigt sich ein internationaler Schulterschluss zwischen Impfgegnern, Esoterikern, Wutbürgern, 
organisierten Neonazis und Parteien wie der AfD oder gar Regierungsoberhäuptern wie Donald 
Trump, Jair Bolsonaro oder John Magufuli. Diese Bewegung nutzt Mittel wie 
Verschwörungserzählungen und Fake News und schöpft immer wieder aus dem historischen 
Reservoir faschistischer Regimes. Sie eignet sich aber auch Symbole und historische 
Persönlichkeiten, die eher als links und progressiv gelten an, und deutet diese für ihre 
eigene Sache um. Sophie Scholl oder Anne Frank werden von ihr herbeizitiert und beim “Sturm 
auf den Reichstag” im Spätsommer 2020 waren etwa Ghandi-Banner neben Reichkriegsflaggen zu 
sehen. Wenige Monate später gingen Fotos von einem als Schamanen verkleideten Aktivisten mit 
Fell und Hörnern im Washingtoner Kapitol um die Welt.
Derartige Selbstinszenierungen zeugen nicht zuletzt von der Aneignung künstlerischer Formen, 
der Ironiefähigkeit und Gamification der Alt-Right, Reichsbürger, Querdenker, und anderer 
Protagonist*innen der Neuen Rechten.

Zeitgleich lässt sich ein Trend in der (jungen) Gegenwartskunst beobachten, der Formensprache 
und Elemente, nicht nur der Schwarzen Romantik, sondern auch nordischer Mystik und Mythologie
kopiert. Immer wieder und immer mehr lassen sich auf Rundgängen deutscher Kunsthochschulen, 
in Ausstellungen von Nachwuchskünstler*innen und auf Instagram solche Motive erkennen: 
Mittelalterliche Schnörkel, Märchenbezüge, Drachen, Schwerter, heidnische Symboliken; als 
Materialien finden sich Holz, Äste, Stroh, Kerzen, Tuch, Heilsteine, Rauch usw.
Um eine derartige Ästhetik zu verstehen, ließe sie sich zuende denken: in der träumerischen 
Weltflucht blitzen antiaufklärerische Affekte auf; hinter dem Endzeitgefühl und der 
Beschwörung düsterer Mystik lauert die Faszination für den Kern der Ästhetik des Faschismus: 
“Kitsch und Tod” (Saul Friedländer).
Die Annäherung zwischen esoterisch-rechter Ikonografie und den Bilderwelten junger 
Künstler*innen geht dabei vermutlich meist unreflektiert vonstatten und wird von vielen 
Kunststudierenden und Absolvent*innen eher als Trend übernommen, denn emphatisch behauptet. 
Sollte diese Strömung gecancelt werden?