Bühnenraum

Bühnenbild in Bühnenraum

Davon ausgehend, dass mit einem Bühnenbild meist die primär zweidimensional-
illusionistische dekorativ-gemalte Kulisse gemeint ist, kann man behaupten, 
dass sich der Begriff auf die Tradition (und Konvention) des bürgerlichen Theaters 
des 19. Jahrhundert bezieht. Dieser Weltanschauung unterlag ein statisches 
Raumkonzept, dessen präziser Ausdruck die Guckkastenbühne ist. 
Während solch ein Dispositiv eine feste Grenze zwischen
Bühne und Publikum voraussetzt und dabei die sozial-politischen Dimensionen 
der Kunst ignoriert, betonen aktuelle Raumkonzepte jene relationale 
und gesellschafts-politische Auswirkung künstlerisch-theatraler Praxis. 
Epoche des Raumes

Die Hinwendung zum Konzept des Raumes, als Ergebnis von Handlungen und 
Machtpositionen, veranlasste den französischen Philosophen
Michel Foucault das 20. Jahrhundert als die “Epoche des Raumes“ zu bezeichnen. 
Als Ensemble in Beziehung stehender Bezugspunkte, ist räumliches Bewusstsein in 
direkter Abhängigkeit vom menschlichen Körper, dessen Bewegungen und Volumen den 
Raum gestalten und bedingen. Gerade im Zeitalter der Globalisierung, Digitalisierung, 
Überwachung und virtuellen Landschaften, scheint es in Hinblick auf den Körper 
erforderlich, die politische-soziale Relevanz von Räumen zu reflektieren. 
Ob als Erfahrungsraum, Erlebnisraum, Verdichtungsraum oder Gestaltungsraum: 
die Aspekte der Wahrnehmung und des Handelns bilden die Knotenbegriffe für das 
zeitgenössische Nachdenken über den Theaterraum.
Raumkunst

Wie man anhand der These des Theaterwissenschaftlers Max Herrmann – Theaterkunst ist
Raumkunst – feststellen kann, ist genau die Raumdimension ein Unterscheidungskriterium,
welches Theater von der Literatur unterscheidet. Der Raum entfaltet sich im Verlauf der
Aufführung über Bewegungen, Sprechen, visuelle oder akustische Wahrnehmung und ist
somit untrennbar von der Ereignishaftigkeit, die ein konstitutiver und dynamischer Aspekt
jeder Inszenierung ist. Es mag sicher kein Zufall gewesen sein, dass die Revolutionierung der
Bühnenkunst im 20. Jahrhundert ihren Ursprung in der Abschaffung von bemalten Kulissen
(bzw. vom naturalistischen Bühnenbild) und der Befreiung von Form, Licht, Klang und Farbe
hatte. Diese Erweiterung des Begriffs des Bühnenbilds, des menschlichen Sensoriums und
seiner Ausdrucksmittel lässt sich sehr gut in den Werken, Experimenten und Gedanken von
Adolphe Appia, Oskar Schlemmer oder Walter Gropius nachvollziehen. Der Raum wurde so
zum wesentlichen Teil der Vision, was Theater sein soll, womit auch der Mensch radikal neu
definiert wird. Der Bruch mit der homogenen, abstrakten Idee des Raumes, die bis zum Ende
des 19. Jahrhunderts als Behälter (Container) aufgefasst wurde, ermöglichte letztendlich die
Auflösung fester Grenzen zwischen den Künsten. In dieser Hinsicht rekurriert der Begriff des
Bühnenraums auf die Erweiterung der Künste, wodurch ein konzeptueller Rahmen formuliert
wird, der nicht auf die Gestaltung des Bühnenbildes (für Theater) zu reduzieren ist, sondern
auch andere Räume und medial-ortsbezogene Konstellationen (Installation, Kino, Galerie,
Stadträume, Öffentlichkeit usw.) in Betracht nehmen kann.
Die seit den 60er Jahren vorangetriebene Abschaffung der räumlichen Trennung von
Zuschauer und Darstellern markiert eine Auseinandersetzung mit der Guckkastenbühne, die
gleichzeitig eine Neudefinierung der Rolle und der Funktion des Theaters war. Anlässlich der
These, die man mit der Phänomenologie formulieren kann, dass das Theater durch eine
Wechselwirkung der Blicke definiert ist, eröffnete sich mit dem Einsatz neuer Medien (Video,
Fernsehen, Film, Internet) in Aufführungen ein Raum für kritische Reflektionen über
patriarchale Machtanordnungen, Genderasymmetrien und Ungleichheiten sowie ihre
Konsequenzen im sozialen Feld. Dabei geht es in erster Linie darum, dass der Begriff des
Bühnenraums diese Prozesse diskursiv präziser verorten kann, als der Begriff eines statisch-
dekorativen Bühnenbilds. Anderseits kann man argumentieren, dass die leibliche Ko-Präsenz
und Syntheseleistung der Zuschauer_innen und Akteure_innen, die jenen Raum der

Aufführung begründet, nicht auf ein Bild zu reduzieren ist, da das performative Ereignis durch
eine konstitutive Flüchtigkeit markiert ist und jedwede Festhaltung verweigert. Mit der
Hinwendung zum Begriff des Bühnenraums ergibt sich auf also die Möglichkeit Räume in
ihrer zeitlichen Dimension aufzuzeigen, als singuläre Ereignisse, die eine Transformation
freigeben und auf diese Weise das Offene der Zukunft zur Schau stellen.

Prof. Janina Audick